18. Sozialerhebung: Interview mit DSW-Vizepräsident, René Voss
Für 40% der Studierenden ist die Studienfinanzierung ungesichert
René Voss, Vizepräsident des Deutschen Studentenwerks und Vorsitzender des Verwaltungsrates des AKAFÖ in Bochum, über die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland.
Zum 18. Mal hat das Deutsche Studentenwerk (DSW) eine "Sozialerhebung zur wirtschaftlichen und sozialen Lage" der zwei Millionen Studierenden
in Deutschland vorgelegt. Für René Voss, Vizepräsident des Deutschen Studentenwerks, ist die finanzielle Situation vieler seiner Kommilitoninnen
und Kommilitonen Besorgnis erregend. "Für 40% der Studierenden geben an, ihre Studienfinanzierung sei nicht gesichert. Das sind keine guten
Voraussetzungen für ein erfolgreiches Studium", erläutert er im Interview. René Voss studiert Rechtswissenschaften an der Ruhr-Universität
Bochum.
Herr Voss, Ihre neue Sozialerhebung hat den Anspruch, die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden abzubilden. Kurz: Wie ist denn diese Lage?
René Voss: "Das kann man so pauschal nicht sagen. Den Durchschnittsstudenten gibt es nicht; ebenso wenig ist die wirtschaftliche und soziale Lage
aller Studierenden gleich. Nehmen Sie als Beispiel die durchschnittlichen Einnahmen der Studierenden. Da gibt es eine erhebliche Spreizung. 27% der
Studierenden haben weniger als 600 Euro im Monat zur Verfügung, während 23% mehr als 900 Euro monatliche Einnahmen haben.
Im Durchschnitt haben die Studierenden 770 Euro im Monat zur Verfügung. Jeder fünfte Studierende liegt mit seinem Monatsbudget jedoch unter dem
BAföG-Höchstsatz von 585 Euro, jeder Dritte unter dem Betrag von 640 Euro, den die Familiengerichte als Orientierungswert für den Elternunterhalt
festgelegt haben. Bei diesen Studierenden muss man von einer angespannten Finanzsituation ausgehen, und das sehen wir mit großer Sorge."
Das heißt, die Studienfinanzierung ist für viele ein Problem?
"Ja. Nur rund 60 % der Studierenden gingen im Sommersemester 2006, als die 18. Sozialerhebung durchgeführt wurde, davon aus, ihre Studienfinanzierung
sei gesichert. 2003 waren es noch fünf Prozent mehr. Im Umkehrschluss heißt das, dass rund 40 % ihre Studienfinanzierung als unsicher ansehen.
Das sind keine guten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Studium.
Man kann generell sagen: Wie sicher die Studienfinanzierung individuell eingeschätzt wird, hängt von der sozialen Herkunft der Studierenden ab.
Wir haben für die Sozialerhebung vier so genannte "soziale Herkunftsgruppen" gebildet: niedrig, mittel, gehoben, hoch. Der Aussage
‚Die Finanzierung meines Lebensunterhalts während des Studiums ist sichergestellt“ stimmen 72% der Studierenden aus der sozialen Herkunftsgruppe
"hoch" zu. Aus der sozialen Herkunftsgruppe "niedrig" sind es hingegen nur 39%."
Wie sieht denn die Studienfinanzierung konkret aus?
"Die 18. Sozialerhebung zeigt einmal mehr: Die Studienfinanzierung ist eine Mischfinanzierung, und die drei wichtigsten Quellen sind: Eltern,
Jobben, BAföG. 90% der Studierenden werden von ihren Eltern finanziell unterstützt, und zwar mit durchschnittlich 448 Euro im Monat.
63% der Studierenden im Erststudium jobben, und mehr als ein Viertel der Studierenden erhält BAföG. Übrigens: Nur 2% der Studierenden
erhalten ein Stipendium.
Im bundesweiten Durchschnitt macht die finanzielle Unterstützung der Eltern 52% der monatlichen Einnahmen aus, also mehr als die Hälfte.
24% der Einnahmen stammen im Schnitt aus Erwerbstätigkeit, 14% macht die BAföG-Förderung aus. 10% der Einnahmen stammen aus anderen Quellen.
Interessant ist der Vergleich, wie sich die Elternleistungen und das BAföG über einen längeren Zeitraum entwickelt haben: Die finanziellen
Leistungen der Eltern sind seit 1991 kontinuierlich auf heute 52% angestiegen, der Anteil des BAföG an den durchschnittlichen Einnahmen ist
im selben Zeitraum aber von 20% auf heute 14% zurückgegangen. Berücksichtigt man den Verbraucherpreisindex, dann haben sich die finanziellen
Leistungen der Eltern im Jahr 2006 gegenüber dem Jahr 1991 real um 19% erhöht, während die Leistungen nach dem BAföG um 28% abgenommen haben."
Ein Grund mehr, das BAföG zu erhöhen...
"...absolut. Es ist seit 2001 nicht mehr an die Preis- und Einkommensentwicklung angepasst worden. Wir fordern eine Anhebung der Freibeträge
um 8,7% und der Bedarfssätze um 10,3%. Vergessen Sie nicht: Derzeit bezieht mehr als ein Viertel der zwei Millionen Studierenden BAföG, und 79% der
BAföG-Geförderten geben an, ohne das BAföG nicht studieren zu können."
Sie haben vorhin die vier sozialen Herkunftsgruppen angesprochen, die Sie in der Sozialerhebung unterscheiden. Wie sind denn diese
Gruppen an den Hochschulen vertreten?
"38% der Studierenden kamen im Sommersemester aus der Herkunftsgruppe 'hoch', also aus hochschulnahen, einkommensstärkeren Familien. 24% kommen
aus der Herkunftsgruppe ‚gehoben’, 25% sind der Herkunftsgruppe ‚mittel’ zuzuordnen. Nur 13% der Studierenden kommen aus der 'niedrigen' sozialen
Herkunftsgruppe, also aus hochschulfernen, einkommensschwächeren Milieus. Damit setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort: Der Anteil von
Studierenden aus der 'hohen' Herkunftsgruppe steigt, der Anteil der Studierenden aus den unteren beiden Herkunftsgruppen geht zurück."
Letzte Frage: Sind die sozialen Folgen von Studiengebühren schon in der Sozialerhebung abgebildet?
"Nein. Die 18. Sozialerhebung kann dazu noch keine gesicherten Ergebnisse liefern. Die Studierenden wurden im Sommer 2006 befragt; erst zum
Wintersemester 2006/2007 führten Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen als erste Bundesländer allgemeine Studiengebühren von 500 Euro im Semester ein."
Hintergrund: 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks
Seit mehr als 55 Jahren zeichnen die Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks ein genaues Bild der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden in Deutschland. HIS, Hochschul-Informations-System, führt die Untersuchung im Auftrag des Deutschen Studentenwerks alle drei Jahre durch. Rund 17.000 Studierende nahmen im Sommersemester 2006 an der jüngsten Befragung teil. Gefördert wird die Untersuchung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die 18. Sozialerhebung bietet Informationen unter anderem zur Bildungsbeteiligung, zum sozialen Profil der Studierenden, zur Studienfinanzierung, zur Erwerbstätigkeit, zum BAföG, dem studentischen Zeitbudget, den Wohnformen sowie zum Beratungs- und Informationsbedarf. Ebenfalls gefragt wurde nach den gesundheitlichen Beeinträchtigungen von Studierenden; zur Situation von Studierenden mit Migrationshintergrund gibt es erstmals differenzierte Daten.
René Voss, Vizepräsident des Deutschen Studentenwerks und Vorsitzender des Verwaltungsrates des AKAFÖ in Bochum
Kurzbericht der 18. Sozialerhebung (50 Seiten) als Download:
www.studentenwerke.de/pdf/Kurzfassung18SE.pdf
Hauptbericht der 18. Sozialerhebung (500 Seiten!) als Download:
www.studentenwerke.de/pdf/Hauptbericht18SE.pdf




